Oder: Die Berufe von Helden vor ihrer Heldwerdung in Fantasy und SF-Literatur
Augenzwickernde Gedanken am studentischen Kafffeetisch.
von Robin Haseler
Helden haben in der Regel eine Vorgeschichte, der dem Leser im Laufe der Geschichte näher gebracht wird. Besonders gehässige Autoren bauen so auch die eine oder andere Wendung in ihr Werk ein. Oft wird in einer solchen Vorgeschichte auch der frühere Beruf angesprochen. Einer Schnapsidee (oder in diesem Fall einer Idee beim Kaffee) folgend könnte man hier nun fragen: Gibt es eine Ausbildung zum Helden?
Nun, es gibt zumindest keine Heldenakademie und keine Helden-Castingshows. Eine Ausnahme würde sich sicher bei Autoren wie Terry Prattchet finden.
Aber was ist eigentlich mit dem Held Frodo Beutlin aus Tolkiens Epos Herr der Ringe? Hat Frodo eine Ausbildung, einen Beruf gelernt? Gehört er einer anderen Schicht von Helden an, wie etwa der Gärtner Sam aus der selben Geschichte?
Gehen wir dem Gedanken doch einmal nach. Die Figur des Helden in Romanen und Erzählungen wird oftmals durch ihre Berufe charakterisiert. Man denke nur an Teile der Fantasyliteratur die recht stereotyp ihre Helden einteilen. Ein Zwerg? Die Wahrscheinlichkeit einem Schmied gegenüber zu stehen, scheint überaus hoch. Alternativ schürft er Erze oder verarbeitet Edelsteine. Natürlich lässt sich für jeden Beweis einen Gegenbeweis finden, aber belassen wir es bei diesem ersten Gedanken, der zu der Fragestellung geführt hat und betrachten einige Beispiele.
Beginnen wir mit einem Bereich der Fantasy, der gerne als Heroicfantasy oder Hack&Slay bezeichnet wird. David Gemells Held Druss spiegelt die Idee recht gut wieder. Der einfache Holzfäller wird durch äußeres Schicksal, in diesem Fall die Verschleppung seiner Frau, zum Held, Auftragsmörder und Krieger mit besonderem Ehrenkodex. Die Fähigkeiten als Holzfäller kommen ihm dabei zu statten, denn seine primäre Waffe ist eine mächtige Doppelaxt. Statt Bäume fällt er nun Menschen. Ein Aufstieg der sich sehen lässt.
In diesem Zusammenhang darf nun natürlich Robert E. Howards Conan nicht fehlen. Hier ist zwischen den Verfilmungen und den Kurzgeschichten zu unterschieden. In den Filmen wird Conan zum ultimativen Kämpfer herangezogen. Erst als Sklave (körperlich, survival of the fittest) später als Gladiator (Kampftechniken und Bildung). In den Kurzgeschichten findet sich dieses Hilfskonstrukt nicht. Der junge, wilde Conan lernt seine Lektionen durch seine Abenteuer. Seine Cimmerier-Herkunft ersetzt quasi die Ausbildung. In den Filmen scheint es dagegen nötig, die Heldwerdung in kurzen Szenen zu erklären. Howard erspart sich dies und sagt: Hier ist er – der Held der Geschichte. Er ist stark, wild und unbezwingbar. Er ist quasi genetisch zum Helden und Krieger programmiert.
Dies ist aber eher eine Ausnahme. Meist wird in der Literatur explizit auf die Ausbildung der Protagonisten Bezug genommen. Selbst Tolkiens Aragorn muss zugeben, erstmal verdammt viele Jahre als Waldläufer durch Matsch und Regen gewandert zu sein und das Böse gejagt zu haben, bevor er als König zurückkehren durfte. Stichwort Kaderschmiede kommender Könige.
Kommen wir damit nochmals zurück zu den Schmieden. Die Hammer schwingende Helden gibt es natürlich auch. Ein Schmied eignet sich dazu scheinbar besonders. Offensichtlich besteht doch oft das Bedürfnis, in irgend einer Form zu erklären, warum dieser junge Bursche da nun den Hammer wie ein junger Gott schwingt und die anstürmenden, zahlenmäßig weit überlegenen Orkhorden zu Brei schlägt. Einfachste Erklärung: Er war im früheren Leben – bevor die klassische Katastrophe über sein wohl geordnetes Leben herein brach – entweder Holzfäller oder Schmied.
Das funktioniert natürlich nicht immer, auch andere Berufe taugen für solche Ideen oder werden eben gerade nicht verwendet, um einen Kontrast zu erstellen. Aber die Häufigkeit vom Beamten oder Hofschreiber gegenüber den Schmieden oder Holzfällern dürfte in keinem Verhältnis stehen, wenn es um Heldentaten geht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen für heldenhafte Nebenfiguren. Hier sei als Beispiel der Hofnarr und Meisterspion Fiorell aus der Ulldart-Saga von Markus Heitz genannt.
Ein kleiner zusätzlicher Gedanke richtet sich auf das Bild des Schmiedes. In den seltensten Fälle dürfte man auf einen bösartigen Schmied treffen. Meistens verkörpern Schmiede Mentorenrollen oder Unterstützerrollen für den eigentlichen Helden. Man denke nur an Eragon: Das Vermächtnis der Drachenreiter. Hier spiegelt sich das Bild des netten, unterstützenden Schmieds gut wieder.
Und in der Science Fiction? Auch in der SF funktionieren die bisherigen Gedankengänge ganz gut. Natürlich findet sich hier eine große Zahl von Wissenschaftlern und Technikern. Deren größte Waffe ist dann meist die Logik und ihre wissenschaftlichen Methoden. Die Vereinigung von Beruf und Heldendasein in Reinform. Denn was würden Captain Kirk ohne Scotty tun, wenn wieder ein Energiekern schmilzt? (“Dafür brauche ich mindestens fünf Wochen!” “Du hast fünf Stunden!” “Ich mach es in Zwei!” – frei nach Mittermeier.)
Aber auch in der SF tauchen klassische Muster der Ausbildung zum Helden auf. Nehmen wir nur einmal Star Wars. Han Solos Biographie passt hier gut. Die Extremsituation findet sich in der Befreiung seines späteren Freundes, dem haarigen Wookie. Dies führt natürlich zum Abbruch seiner imperialen Militärausbildung. Aber das wichtigste Handwerkszeug hatte man ihm schon beigebracht. Zu deren späteren Leidwesen. Statt Axt oder Hammer beherrscht er das Fliegen eines leicht modifizierten Frachter recht gut und ist zudem ein schneller Schütze mit dem Blaster.
Noch besser passt dies natürlich auf den späteren Heldenbruder Luke Skywalker. Lassen wir mal die erbliche Belastung als Jedi außen vor. Asketisch (wie ein einsamer Holzfäller) lebt Luke bei seinem Onkel auf einer Feuchtfarm und vertreibt sich die Freizeit mit der Jagd nach schnellem Womp-Ratten in den Schluchten. Praktisch, wenn man kurz darauf als Fliegerass einen Todesstern sprengen muss.
Es scheint also häufig der Fall zu sein, dass unsere späteren Helden durch den erlernten Beruf oder zumindest durch ihre Umgebung als Held vorgebildet werden. Es muss ein Erklärungsmuster her, warum alles so glatt laufen wird, wenn der Held in Aktion tritt. Dies scheint sogar trotz magischer Fähigkeiten der Fall zu sein.
Aber welchen Beruf hat eigentlich der allseits bekannte Ringträger und Weltenretter Frodo Beutlin?
Hier haben wir nun eine Ausnahme. Der Held Frodo besitzt weder eine Ausbildung, noch lassen sich Anzeichen erkennen, dass er eine Vorbildung zum Helden besitzt. Außer vielleicht dem Drang in die Ferne zu schweifen und den Erzählungen seines Onkels über dessen Abenteuer. Hier spielt allein der Charakter eine Rolle. Aufopferung einer “reinen Seele” für die Rettung der Welt.
Der Co-Ringträger Sam dagegen hat einen Beruf. Den Beruf des Gärtners und nur durch ein wenig zu viel Neugierde gerät er in dieses große Abenteuer. Sam ist ein Hausangestellter, quasi ein Diener. Schon hier könnte man auf die spätere unerschütterliche Treue schließen. Er trägt Frodo schließlich auch das letzte Stück, um den Ring zu zerstören. Eine gewisse “Einfalt”, gepaart mit unerschütterlichem Glauben und Loyalität. Abgesehen von der Tatsache, dass in anderen Genres oft der Gärtner als Mörder auftaucht, scheint hier eine gewisse Einteilung nach Fähigkeiten zu bestehen.
Spielt man diesen Gedanken nun etwas weiter aus, dann fragt man sich natürlich, wie denn nun Bilbo und Frodo Beutlin leben? Offensichtlich gehören sie zur “Upper Class” der Hobbitgesellschaft. Frodo wandelt den lieben langen Tag durch den Wald. Sam dagegen jätet den Garten. Er kann sich das Lustwandel nicht leisten. Gehört er etwa zu einer Art Heldenprekariat?
Gibt es also verschiedene Klassen von Helden?
Zumindest gibt es einige Unterschiede:
Viele Helden durchlaufen mit ihrem Beruf eine Welt der Askese. Dies trifft auch auf Figuren wie Harry Potter zu, bevor sie zum Helden mutieren. In diesem Fall die schlimme Kindheit. Dabei spielt immer die Ausbildung eine Rolle. Selten wird aber ein Held direkt ausgebildet. Eine Ausnahme ist etwa Harry Potter – er gilt schließlich von Anfang an als Held der Voldemort Paroli geboten hatte und dies nun wiederholen muss. Allerdings muss er dazu natürlich erst einmal in der Abwehr der dunklen Künste ausgebildet werden. Held von Geburt an, dass geht (fast) nur mit der magischen Komponente.
Auch Prinzen und Adelige, die zu Helden werden, müssen zuerst eine Ausbildung durchlaufen. Sie sind als Knappe an fremden Höfen und begeben sich mit einem alten Recken auf Reisen. Ihre Herkunft oder überspitzt gesagt ihr Geldbeutel, spielt dabei weniger eine Rolle.
Helden aus der Not bilden natürlich eine eigene Kategorie. Die Extremsituation zwingt sie zu ihren Taten, aber auch hier spielt meist der Beruf eine Rolle. Ob Holzfäller oder Wissenschaftler, ihre Fähigkeiten weisen den Ausweg.
Bei Frodo dagegen fehlt dies wie gesagt. Allein sein Charakter, seine Entscheidung macht ihm zum Helden. Tatsächlich muss auch der Ringträger mit seinem Schwert Stich in die Kämpfe eingreifen, obwohl er das nicht gelernt hat. Wie die übrigen Hobbits der Gefährtengruppe übrigens auch.
Allgemein gesprochen scheint es zwei Arten von Helden aus dieser Blickrichtung zu geben.
1)Die gut ausgebildeten Helden die bereits auf die kommenden Situationen vorbereitet sind. Sie haben ihr “Handwerk” somit gelernt und reagieren entsprechend.
2)Die unausgebildeten Helden, die nur dank ihres Charakters bestehen können bzw. das Abenteuer überhaupt aufnehmen.
Fall Eins beschreibt also die Facharbeiter unter den Helden – Piloten, Holzfäller, Wissenschaftler, Schmuggler, Unternehmer (z.B. Lando Calrissian, Star Wars).
Im Fall Zwei könnte man noch in die oben angesprochenen Klassen einteilen.
Die Upper Class der Helden. Frodo Beutlin, der sorglose Jüngling (Im Buch zwar schon 33 Jahre alt, aber das merkt man nicht wirklich), von Beruf Erbe. Zwar unausgebildet, aber aus dem richtigen Holz geschnitzt, geht es ins Abenteuer.
Das Heldenprekariat. In keinster Weise auf den kommenden Job vorbereitete Figuren wie dem Gärtner Sam. Sie reagieren auf die Situation, haben aber keine Möglichkeit “Spezialwissen” einzusetzen. Meist stolpern sie in das Abenteuer und versuchen es einfach zu überstehen.
Beide bestehen durch ihren Charakter, womöglich durch ihr smartes Verhalten, aber kaum durch ihre Vorgeschichte. Es sei denn sie besitzen zudem eine genetische Vorprägung zum Helden aufgrund der Familie.
Dies wäre noch eine extra Gruppe im Bereich der Helden (eine sehr große zudem!).
Genetisch vorprogrammierte Helden.
Conan ist einfach Cimmerier. Sein “Volk” bringt alle Attribute mit, die ein Held und Krieger braucht. Sein Durst nach Reichtum, Ruhm und Frauen erledigen den Rest.
Luke Skywalker, Harry Potter und der Drachenreiter Eragon sind durch ihre Vorfahren mit Fähigkeiten ausgestattet und haben zudem noch eine gewisse charakterliche Veranlagung zum Helden. Man könnte sagen, sie hatten nie eine Wahl. Oder in der Fachsprache: Sie unterliegen einem biologischen Determinismus. Selbiges trifft auch auf Comichelden wie Hulk oder Superman zu. Sie können sich nur aufgrund des Charakters entscheiden, ob sie gut oder böse handeln. “Helden” bzw. “Antihelden” werden sie auf jeden Fall.
Was bleibt nun von diesem kleinen Herumspinnen am Kaffeetisch? Upper Class-, Unterschichten- und Facharbeiterhelden, zudem geborene Helden. Alles ist möglich und mit dem richtigen Blick erkennt man auch mal so manche Hilfskonstruktion des Autors, wenn man denn möchte.
Zum Schluss bleibt noch das Bild des Upper Class Hobbits beim letzten Schluck Kaffee auszubreiten.
Hätte Bilbo nicht den Ring gefunden, Frodo würde gerade einen Spaziergang durch das Auenland beenden, dann sein zweites Frühstück einnehmen, dabei dem Gärtner Sam die Heckengröße im Vorgarten vorgeben und schon darüber Grübeln, was er wohl zu Mittag essen sollte. Na, wie gut, dass es dann doch diesen kleinen Ring gab…
Erstveröffentlichung auf dem Blog & im Forum SF-Netzwerk.
0 Responses to “Welchen Job hat eigentlich Frodo?”
Leave a Reply