Ich will meinen Vorgarten nicht online sehen!

Heute Abend habe ich als Zuhörer der Gemeinderatssitzung beigewohnt. Dabei ging es auch um die Ankündigung von Google, den Landkreis Miltenberg, also auch Weilbach, komplett online zu stellen. Im Klartext fahren PKWs mit 360° Kameras durch alle Straßen und dann wird das online gestellt. Man kann dann durch die Straßen laufen und sich jedes Haus anschauen. Natürlich werden gemäß den Datenschutzrichtlinien mit einem Computerprogramm alle zufällig abgelichteten Personen unkenntlich gemacht. Aber mir reicht das nicht. Ich will einfach nicht, dass Millionen Menschen meinen Vorgarten anschauen können.
Daher fragten auch die SPD Gemeinderäte auf der besagten Sitzung an, ob man das nicht verbieten können. Das ginge nicht, war so die Meinung von Bürgermeister Kern, auch wenn ihm das wohl auch nicht so gefalle. Die Gemeinde will da aber nochmal nachhaken.
Natürlich kann man sein eigenes Haus wieder aus dem “Archiv” von Google löschen lassen (wer sagt mir, dass sie das wirklich machen?), aber das ist schon ein Ding. Statt vorher die Gemeinde zu fragen: Ist das ok? Muss jeder Bürger nun umständlich Einspruch erheben.
Im Gemeinderat war die Dimension und die Auswirkungen nicht ganz so präsent. Woher auch. Vor zwei Wochen stand die Ankündigung in der Zeitung und wenn man sich nicht zufällig mal damit beschäftigt hatte, WEISS man ja nicht einmal, was da gemacht wird. Ich hab mich in diesem Fall mal frech zu Wort gemeldet und durfte auch ein paar Sätze dazu sagen, nachdem mir der Bürgermeister “außnahmsweise” das Wort erteilte.

Meine Argumente:

- Auch wenn der Datenschutz da wenig Probleme sieht, ich finde das ist ein massiver Eingriff in die Privatsphäre. Einfach wegen der flächendeckenden Ablichtung der Gemeinde. Mein Lebensumfeld wird digitalisiert und später vermutlich mit weiteren Daten verknüpft.

- Was für einen Nutzen generiert dieser Dienst? Ich sehe eigentlich größtenteils die Beförderung einer Form von Voyeurismus.

- Wen interessiert, wie die Weinbergstraße am 14.09.2009 ausgesehen hat? Und auch wenn es niemanden interessiert, warum muss es dann als “Weltwissen” online stehen?

- Der Marktwert eines Objektes könnte durch solche Fotos im Netz tatsächlich gemindert werden. Stehen da nur Schrottkarren oder eine Reihe Sportwägen? Das Nachbarhaus sieht aber heruntergekommen aus! Keine gute Gegend. Natürlich sind die Fotos nicht in Echtzeit, aber wer weiß das? Viele wissen es nicht.

- Mancher Betrieb könnte sich freuen, wenn er zufällig das Werkstor offen hatte und nun die Konkurrenz die Ausstattung und den Fuhrpark begutachten kann. (Solange die Fotos noch aktuell sind zumindest).

- Einbrecher können sich nun viel gezielter informieren. Schon von zu Hause kann man alles viel besser abschätzen. So mancher Bewegungsmelder ist ja nun auch sichtbar.

- Eine Unkenntlichmachung von Gesichtern und Nummernschildern reicht nicht. Es gibt genügend Fahrzeuge, die im Ort bekannt sind. Auch zum Erkennen von Personen brauche ich nicht immer das Gesicht. Wir leben in kleinen Orten. Man stelle sich vor, Personen mit viel Freizeit scrollen sich durch den Ort. Es wird sicher irgendetwas gefunden, worüber sich reden lässt.

- Der Google Konzern verdient Geld oder will zumindest irgendwann Geld mit diesen Daten verdienen. Wie kommt der Konzern dazu, MEIN Haus für seinen Ertrag zu verwenden? Wie kommt es, dass nichteinmal die Gemeinde davon profitiert? Wer Postkarten mit einem Stadtmotiv verkauft, zahlt ja wohl auch, oder?

Fazit:
Ich lehne Google Streets View ab. Es greift mir zu sehr in einen Bereich ein, der geschützt gehört.
Ich freue mich schon auf Google Home View – jedes Haus auch von Innen einsehbar.
Nein ich habe nichts dagegen, wenn man zentrale Plätze und Sehenswürdigkeiten online zeigt. Das macht sicher Sinn, wirbt vielleicht auch für die Stadt. Welchen Werbeeffekt die restlichen Straßen haben soll, bleibt mir schleierhaft. Hier geht es leidiglich einen noch umfassenderen Datenbestand der Welt zu erhalten. Datenkrake Google? Vermutlich.

Sollte die Marktgemeinde Weilbach Google die Nutzung der Fotos nicht untersagen können. Leider gehe ich davon mal aus. Auch wenn es da wohl eine kleine Möglichkeit geben könnte.
Sollte das also nicht klappen, werde ich versuchen von Haus zu Haus zu gehen und die Leute bitten in einer Sammelablehnung, die Straßen aus dem Netz zu nehmen. Das ist möglich, aber eben mühsam. Trotzdem würde ich das machen.
Wie gesagt: Die Vorhänge an meinen Fenstern gehen niemanden etwas an. Es reicht, wenn die Nachbarschaft bemerkt, dass die Kehrwoche nicht eingehalten wurde… :)

6 Responses to “Ich will meinen Vorgarten nicht online sehen!”


  1. 1 Jan

    Ziemlich viele Punkte davon gelten eigentlich auch für die Satellitenansicht von Google, Microsoft usw. Und es gibt Adress-Sammelfirmen, die über ähnliche Datens(ch)ätze verfügen, damit aber im Gegensatz zu dem was Google (vermutlich) vor hat, ganz direkt Geld verdienen.

    Handwerker werden für die Konkurrenzbetrachtung sicher auch künftig nicht auf Google angewiesen sein, sondern dass wie in den letzten paar hundert Jahren machen und einfach selber gucken (zumal die Konkurrenz ja meist nur ein paar Kilometer weit weg wohnt), gleiches gilt für Einbrecher, die ihre Brüche, soweit ich weiss, häufig spontan und ohne große Planung machen, andernfalls aber sicher trotzdem besser vorher mal die Objekte anschauen (gerade diese “Berufsgruppe” wird sich wohl eher nicht auf potenziell ältere Bilder verlassen wollen).

    Man kann das alles so sehen und Street-View trotzdem für falsch halten und das abfotografieren des eigenen Hauses für verkehrt halten, gar keine Frage. Aber ganz so dramatisch sehe ich das ehrlichgesagt nicht.

  2. 2 robin

    Dramatisch? Nein.
    Muss ich es akzeptieren? Nein.
    Nur weil es schon andere Datensätze gibt, muss ich nicht akzeptieren, dass Neue geschaffen werden. Finde ich diese anderen Datensätze gut? Nein. Würde ich sie gerne entfernen. Ja.

    Dass der Gedanke bei den Betrieben und den Einbrechern nur am Rande eine Rolle spielen, ist mir klar. Aber bitte unterschätze nicht mittelständische Unternehmen. Was wir so in der Gegend haben, tritt oft mit den Weltmärkten in Konkurrenz, nicht mit dem Nachbarort. Und vom örtlichen Schreiner war da auch weniger die Rede.

    Die Sat-Fotos finde ich noch halbwegs erträglich. Jedenfalls bei uns ist die Zoomstufe noch so, dass man eben nur gucken kann: Wo muss ich heute hinfahren? Wo ist das? Eine Karte eben. Street View ist eine andere Dimension.

    Und im Gegensatz zu reinen Datensätzen sehe ich hier die Chance, dass sich auch technisch nicht bewanderte Bürgerinnen und Bürger mal Gedanken machen. Ich hab schon mit einigen Leuten geredet und alle STÖRT diese Aktion. “Was geht die mein Vorgarten an?” bringt es einfach auf den Punkt.

  3. 3 Jan

    Alles verständlich. Die große Gefahr, die hinter alledem lauert ist allerdings, dass man ja im Prinzip verbieten müsste, private Grundstücke überhaupt zu fotografieren, wenn man konsequent sein wollte. Ich glaube nicht, dass das ein wünschenswertes Ziel ist.

    PS: An kleinere Unternehmen habe ich nur deswegen gedacht, weil ich davon ausgehe, dass größere ohnehin nicht auf kostenlose Werkzeuge zur Betriebsspionage angewiesen sind.

  4. 4 robin

    Klar. Das Problem sehe ich auch. Aber es ist halt ein Unterschied (meiner Meinung nach) ob jemand flächendeckend alles ablichtet oder jemand mal ein Haus als Erinnerung aufnimmt.

    Das ist ja das große Datenschutzproblem heutzutage. Auch früher konnte man irre viele Daten sammeln und auswerten. Nur dauerte das und machte es nicht lohnenswert. Heute kann man alles mit allem verknüpfen, große Mengen von DAten sind kein Problem mehr.
    Da stellen sich einfach andere Herausforderungen.

    Und im Zweifel werde ich wirklich versuchen möglichst viele Grundstücke meiner Ortschaft wieder löschen zu lassen. Dann renn ich halt von Haus zu Haus.

  5. 5 Jan

    Es löst das Problem aber nicht, einen Unterschied zwischen 1000 Fotografen, die 1000 verschiedene Häuser fotografieren und einer Firma, die alle 1000 fotografiert zu machen. Die Verknüpfung lässt sich auch bei Einzelaufnahmen herstellen, ich denke daher, dass man das Ganze grundsätzlicher sehen muss.

  1. 1 Kurz notiert: Regierung will gegen Google Street Views vorgehen at Robin Haseler

Leave a Reply




Blog Top Liste - by TopBlogs.de

kostenloser Counter