Die Pressekonferenz zum Masterplan: Wo das Profil geschärft wird, da fallen eben Späne…

… oder besser gesagt die Ausbildung der Studierenden in den “falschen” Studiengängen geht den Bach runter. Denn die Universität Stuttgart bekommt einen Masterplan. Im Sinne der Exzellenz-Initiative versucht die Uni ihr Profil zu schärfen und wo geschärft wird, da fallen – wie gesagt – Späne.
Nun verkündete heute der Rektor Wolfram Ressel seinen großen Masterplan auf einer Pressekonferenz (zu der angeblich nicht einmal die betroffenen Institute geladen waren). Noch handelt es sich um einen Vorschlag, doch der Masterplan stößt bereits auf starke Kritik. Etwa 100 Studenten stürmten daher die Pressekonferenz und auch Professoren meldeten sich zu Wort.

Die Pläne sehen nun eine Umschichtung von 24 Professuren vor, wie in verschiedenen Medien berichtet wird.

»Profilbildende Maßnahmen« nennt das der Rektor. Ziel sei es, sich für künftige Wettbewerbe, vorrangig die nächste Runde der Exzellenzinitiative, «fit zu machen». (Quelle)

Acht Professuren betreffen auch die Natur- und Ingenieurswissenschaften. Hier werden die Bereiche Architektur, Siedlungswasserwirtschaft, Biologie, Chemie und Physik genannt. Diese scheinen für Stuttgart in Sachen Profilbildung nicht so spannend zu sein.
Sechzehn weitere Professuren betreffen die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften. Das ist dann schon sehr massiv! Betroffen sind: das Historische Institut (wohl Alte und Mittlere Geschichte, die Kunstgeschichte, die Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehrer und richtig heftig trifft es die Literaturwissenschaften mit fünf Professuren (Romanistik/Anglistik). Nur die Germanistik muss hier keine Einschnitte fürchten.

»Wo umstrukturiert wird, bleibt immer etwas auf der Strecke«, räumt der Unirektor unumwunden ein. Zugleich betont er immer wieder, dass sich die Universität nun einmal der Zukunft stellen müsse und zur Umstrukturierung »gezwungen« sei. Ressel zufolge soll der «Masterplan» nun in den zehn Fakultäten mit ihren insgesamt rund 150 Instituten und in den Gremien diskutiert werden. Änderungen schließt er nicht aus. So stand etwa die Mediävistik schon auf der Streichliste, soll nun aber doch erhalten bleiben.(Quelle)

Das ist natürlich sehr gnädig! Es zeigt aber auch, welch Geistes Kind diese Umstrukturierung ist. Alles was nicht oberflächlich nach Profil, Presse und Fördermitteln aussieht, kommt ersteinmal auf die Streichliste.

Wieder aus der Streichliste herausgenommen worden sei die Mediävistik, die sich mit der Kultur und Literatur des Mittelalters befasst, weil Fachvertreter deutlich gemacht hätten, dass diese für ein Germanistikstudium unerlässlich sei, räumte Ressel ein. (Quelle)

Und genau daran erkennt mann dann, dass Ressel offensichtlich völlig willkürlich nach Einsparmöglichkeiten gesucht hatte. Wer glaubt, er könne Lehramtstudenten im Fach Deutsch ohne Mediävistik ausbilden, hat sich vermutlich nicht einmal das Profil und die Kompetenzanforderungen eines Lehrers angesehen. Soviel zur Profilbildung!

Einen richtigen Lacher konnte Rektor Ressel im Anschluß dann aber doch noch landen (er hat ja Humor):

Auch die Landesgeschichte wolle man nun erhalten, sie aber bei der anstehenden Neubesetzung in Richtung Technikgeschichte umwidmen, sagte Ressel und löste damit Lachsalven im Saal aus.(Quelle)

Die Landesgeschichte wird zur Technikgeschichte? Also eine Unterabteilung der GNT (=Abteilung Geschichte Naturwissenschaft und Technik)? Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Unglaublich. Jedem Geschichtsstudent im zweiten Semester dürften die Tränen in den Augen gestanden haben – aus welchen Gründen auch immer.
Und zudem wird es nun Einschränkungen für die bereits eingeschriebenen Studenten geben. Wer nach dem Bachelor doch tatsächlich noch einen Master machen will (Skandal!), der müsse in Zukunft eben nach Freiburg oder Tübingen. Na, DAS ist doch ein mal ein starkes Stück. Warum sollte ich dann überhaupt mein Studium in Stuttgart beginnen, wenn ich hier nichtmal voll studieren kann?

“So sieht dann also eine Verbesserung der Lehre aus, für die wir mit unseren Studiengebühren auch noch zahlen”, bemerkt Jonas Scherr, Student und Mitarbeiter der Abteilung Alte Geschichte, mit unverhülltem Zynismus. (Quelle)

Mit Sicherheit wird es in den Gremien heftige Auseinandersetzungen um diese Professuren geben. Denn während Rektor Wolfram “Masterplan” Ressel von einer “Straffung” der Uni spricht, beschreiben Sprecher der Studierendenvertretung diese Pläne als langsames “Ausbluten”.
Aber auch die Lehrenden sind wenig begeistert, wie berichtet wird:

Auch ein Professor aus dem Historischen Institut macht seinem Unmut Luft. Aus den Zuhörerreihen heraus und unter lautem Applaus von Studenten greift er in der Pressekonferenz den Rektor verbal an: Der Masterplan »amputiert« die Geisteswissenschaften, schimpft er und spricht von einer »unzulässigen und gefährlichen Verengung« der Fächervielfalt. Der Rektor bleibt ruhig. »Es ist immer schwer, sich von etwas zu trennen«, wirft er in den Raum. Als der Professor androht, die von seinem Institut bereits erarbeiteten Vorschläge für den nächsten Exzellenzcluster-Antrag zurückzuziehen, schluckt Ressel aber dann doch. Ihm lägen dazu andere Informationen vor, sagt er nur.(Quelle)

Auch die Germanisten, selbst wohl Profiteure der Umschichtung mit wohl bis zu drei neuen Professuren, machten ihren Unmut Luft:

Horst Thomé, der Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, wurde hingegen deutlicher: “Viele Deutschstudenten, die auf Lehramt studieren, wählen als wichtigstes Nebenfach Englisch oder Geschichte – für die ist das Angebot an der Uni Stuttgart dann nicht mehr interessant.”

Thomé befürchtet, dass die Umsetzung der Streichpläne eine Rückbildung zur Technischen Universität und einen Exodus der Geisteswissenschaften zur Folge hat, denn ein solches Rumpfgebilde sei für Professoren nicht attraktiv: “Die Guten gehen weg, die Alten hören auf.” Auch für die Stadt Stuttgart entstehe somit großer Schaden. Acht seiner Professorenkollegen aus seiner Fakultät haben ähnliche Bedenken dem Rektor in einem Brief mitgeteilt und mit Nachdruck um eine zukunftsweisende Struktur gebeten.(Quelle)

Politische Unterstützung für die Proteste gibt es inzwischen von der Landesvorsitzenden der SPD Ute Vogt und den Grünen. Der OB Schuster wusste angeblich von nichts und der Stadtrat wird sich wohl bald mit der Sache beschäftigen. Es geht schließlich auch um das Image der Landeshauptstadt!

Wäre ich auf der Pressekonferenz gewesen, ich hätte wohl einen Schuh nach vorne geworfen

Weitere Stimmen: Stuttgart – das neue Herz Europas und die Geisteswissenschaften,
Die Fachschaft Geschichte der Uni Stuttgart,
Liberale Hochschulgruppe Stuttgart,
Juso Hochschulgruppe Stuttgart.

Quellen: SWR, AD HOC News (ddp), StZ, StZ II , StZ III: Kommentar, StN, Pressemitteilung der Uni Stuttgart, Esslinger Zeitung.

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  1. 1 henningschuerig.de/blog

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